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Christian Rudolf, Rezension in Junge Freiheit vom 02.02.2007

Eine faule Frucht des Relativismus
Die christliche Publizistin Gabriele Kuby rechnet mit der Ideologie des Gender Mainstreaming ab.
Aufmerksamen Zeitungslesern wird nicht entgangen sein, wie in den vergangenen Monaten die Leitmedien FAZ und Spiegel kritische Beiträge zum „Gender Mainstreaming“ veröffentlicht haben. Von der „Dekonstruktion von Identitäten“ und „politischer Geschlechtsumwandlung“ war da die Rede. Wer hellhörig geworden ist und nach intensiver Aufklärung über die Inhalte des sperrigen Modewortes verlangt, dem sei das neue Buch von Gabriele Kuby „Die Gender-Revolution – Relativismus in Aktion“ empfohlen.

In drei leicht lesbaren Aufsätzen arbeitet die Soziologin und christliche Vortragsrednerin die weltanschaulichen Grundlagen der „Gender“-Theorie heraus und zeigt deren Früchte auf. Die Ursache, so wird unzweifelhaft deutlich, ist das relativistische Denken der Zeit. Kein moderner Denker hat es so treffend gekennzeichnet wie Joseph Ratzinger, als er von der „Diktatur des Relativismus“ sprach, die „als letzten Maßstab nur das eigene Ich und dessen Wünsche“ gelten läßt. Relativismus bedeutet: „Wir können das Gute und das Wahre nicht erkennen“, weswegen es keine verbindliche Basis unseres Zusammenlebens in Freiheit sein könne. „Wer den Anspruch erhebt, zu wissen, was gut und wahr ist, gilt als intolerant und muß deswegen bekämpft werden.“ Gibt es keine Erkenntnis des Wahren und Guten, so auch kein verbindliches Urteil über Gut und Böse.
Die Krise unserer Kultur, argumentiert Kuby so stringent wie engagiert, wurzelt in der Zerstörung ihres christlichen Wertefundaments, allen voran der Normen zum Umgang mit der Sexualität. Diese hegten die Sexualität auf die Ehe zwischen Mann und Frau, auf Erwachsene, auf Nicht-Verwandte, auf einen intimen Raum ein. Die „sexuelle Revolution“ hat alles das hinweggespült, was bis vor zwei Generationen eine Selbstverständlichkeit war und dieser Kultur ihre weltgestaltende Kraft gab. Sie zitiert das große Werk des britischen Anthropologen James Dobson Unwin (Sex and Culture, 1934), der die ausnahmelose Regel nachwies, daß das kulturelle Niveau einer jeweiligen Gesellschaft desto höher reiche und überhaupt Gottesverehrung praktiziert werde, je größer die sexuelle Beschränkung sei. Kuby zeigt, daß die „Gender“-Ideologie, seit 1999 „durchgängiges Leitprinzip und Querschnittsaufgabe“ der Bundesregierung, die konsequente Fortsetzung jener sexuellen Umwälzung und der „extremste Auswuchs des Relativismus, der denkbar ist“:

Die Geschlechtsdifferenzierung in Mann und Frau wird von den Gender-Aktivisten als bloßes soziales Konstrukt angesehen, das vom „heterosexuellen Patriarchat“ erfunden wurde, um „Zwangsheterosexualität“ durchzudrücken. Der Mensch solle sein soziales Geschlecht (gender) unabhängig von seinem biologischen Geschlecht (sex) bestimmen, das heißt sich aussuchen können, ob er Mann oder Frau sei, sich homo-, bi- oder transsexuell verhalte. Die „rigide Norm“ der Zweigeschlechtlichkeit gelte es durch „Transgenders“ und „fließende Identität“ zu beseitigen: „Die Gender-Perspektive erkennt keinerlei wesenhafte oder angeborene Unterschiede zwischen Mann und Frau an.“ Warum gerade Homosexuelle sich diese Sicht zu eigen machen, erklärt Kuby psychologisch einleuchtend: „Wenn die Zweigeschlechtlichkeit als ontologische Vorgabe der menschlichen Existenz aufgegeben wird, dann kann jede sexuelle Abweichung von der Heterosexualität als normal und erlaubt erklärt werden.“
Das sei, so Kuby, die eigentliche Zielstellung der Genderisten und faule Frucht des Relativismus. Die Werte und Lebensweisen einer abnormen Minderheit richten sich gegen fundamentale christliche Werte, sollen jedoch via staatliche Anerkennung, Gleichstellung, Propagierung im Sexualkundeunterricht für das ganze Volk verbindlich gemacht werden. Ob Kindergarten, Schule, Universität, Parlament: kein Ort, in den die neue Ideologie nicht hineingetragen würde. Wer dagegen angeht, wird selber als „homophob“, „frauenfeindlich“ etc. diskriminiert. Eindringlich warnt die Autorin, Tochter des linken Publizisten Erich Kuby, die vor zehn Jahren zum Katholizismus konvertierte: „Die Gender-Revolution spaltet und schwächt die westliche Zivilisation. Können wir uns das leisten?“

Eine der Stärken ihres Buches sind die Arbeiten anderer Autoren, die Kuby ergänzend und untermauernd herangezogen hat, darunter die Studie J. D. Unwins sowie weitere wissenschaftliche Untersuchungen, zwei grundlegende Aufsätze Volker Zastrows aus der FAZ (Gender. Politische Geschlechtsumwandlung. Manuscriptum Verlagsbuchhandlung, Waltrop 2006, siehe JF 2/07) sowie verschiedene Enzykliken der Päpste.

Angelehnt an Johannes Pauls II. „Theologie des Leibes“ ruft sie die Christen auf, der Kultur des Todes mit Millionen von abgetriebenen Kindern zu widerstehen und um Tugend und Reinheit zu ringen: „Die Einführung von Enthaltsamkeit in eine Gesellschaft, die an sexuelle Freiheit gewöhnt ist, ist die wichtigste und schmerzhafteste aller sozialen Revolutionen“, zitiert sie Unwin. Die Christen müßten heraus aus ihren „Mauselöchern“ und den Kampf für das Leben auf die Straße tragen.
Ein sorgfältigeres Lektorat hätte noch manche Flüchtigkeitsfehler und unklare Verweise durch Fußnoten aufgespürt, und ein Verzeichnis der benutzten Literatur würde den Gebrauchswert erhöhen. Dessenungeachtet hat Kuby ein Buch vorgelegt, das wohl keinen Leser unverändert läßt und einem die Augen öffnet über die wahren Triebkräfte aktueller gesellschaftlicher Erscheinungen. Die Mahnung Romano Guardinis steigt einem ins Gedächtnis: „Europa wird christlich sein, oder es wird gar nicht sein.“ 

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