Ein Hirte, der seine Herde vor den Wölfen geschützt hat

Als Erzbischof Dyba am 23. Juli im Jahr 2000 starb, war ich erst seit drei Jahren katholisch. Es ist wohl eine besondere Gnade für Konvertiten, dass sie plötzlich - zu ihrer eigenen Überraschung -  die Kirche lieben können und fast mit einem Schlag, trotz dürftigen Glaubenswissens, einen Riecher haben für das, was katholisch ist, und eine Art Rauchmelder für das, was nicht katholisch ist. Der große Leuchtturm, Johannes Paul II.,  stand in Rom, der örtliche war Johannes Dyba.
Bei manchen Toten des öffentlichen Lebens erinnert man sich an die Situation, wann und wo und von wem man die Todesnachricht bekommen hat. Ich erinnere mich an die Todesnachricht von J. F. Kennedy, Lady Di, Johannes Paul II. und auch von Erzbischof Dyba. Ich war mit einem Priester und einem katholischen Freund auf dem Weg zu einem Kloster in Österreich. Wir bekamen die Nachricht per Telefon. Einer sagte es dem anderen weiter. Wir waren geschockt.

Erzbischof Dyba war ein Bischof, der seine Herde vor den Wölfen geschützt hat. Hatte er die ständigen Attacken und Schmähungen, denen er deswegen ausgesetzt war, doch nicht ausgehalten?

Der Wahlspruch des Bischofs lautete: „Filii Dei sumus.“  Kinder Gottes sind wir. Wir Katholiken haben einen Vater und eine Mutter im Himmel, wir sind adoptiert von den Eltern Jesu. Es gibt eine Hierarchie der Vaterschaft im Namen Gottes: Fürsorgende Autorität vom Heiligen Vater über den Bischof zum Priester, der auf Englisch allgemein „Father“ genannt wird, und umgekehrt: dem vertrauensvollen Aufschauen vom Priester zum Bischof und vom Bischof zum Papst.

Immer ist es eine Beziehung von Kindschaft und Autorität. Beides ist in der heutigen Zeit unter Druck: Wer will schon Kind sein in einer Zeit der Verherrlichung des autonomen Individuums, wer will Autorität, die etwas anderes ist als Macht,  anerkennen und ausüben? Der Preis ist hoch: Das bindungslose, atomisierte Individuum ohne Gott und ohne Familie wird zur Norm.  

Der Vater steht fest, wo das Kind schwankt. Er besitzt Klarheit, wo das Kind verwirrt ist. Er hat den Geist der Unterscheidung, und damit die Kraft zur Entscheidung, wo das Kind nur Harmonie ersehnt. Er bringt Beziehungen in die rechte Ordnung, so dass die Liebe über die Stufen der Autorität von Gott zu den Menschen und von den Menschen zu Gott fließen kann.
Wie wichtig ist es in einer Zeit, in welcher der irdische Vater zunehmend abhandenkommt  –  leider inzwischen auch die Mutter  –, dass die Stelle des Vaters in der Welt für die Wahrnehmung der Seele noch besetzt ist: Ein Vater mit einem Stab in der Hand, der, wie der Heilige Vater kürzlich sagte, auch manchmal zum Stock werden muss.

Hochgemute Worte zur Amtseinführung

Mit dem Wahlspruch Filii Dei sumus, Kinder Gottes sind wir steht die Vaterschaft also im Zentrum des Selbstverständnisses von Erzbischof Dyba. Seine Predigt bei der Amtseinführung am 4. September 1983 ist geradezu überschwänglich hochgemut:

„Kinder Gottes sind wir, von Ihm gewollt, von Ihm geliebt – und was ist unsere Zukunft, unsere endgültige Bestimmung? Doch nichts anderes als die vollständige Freude bei Gott, die ewige Seligkeit! Da sollten wir uns nicht freuen? … Ich bin so glücklich, da zu sein. Ich bin so glücklich, dass Ihr da seid – von nun an wollen wir als Kinder Gottes zusammen glücklich sein: Das ist das ganze Programm.“

So könnte ein Bräutigam zu seiner Braut sprechen und so spricht ja auch Gott zu seinem Volk: „Wie der Bräutigam sich freut an seiner Braut, so freut sich dein Gott an dir“, heißt es beim Propheten Jesaia (Jes 62,5).

Erzbischof Dyba war alles andere als ein Träumer. Er wusste, dass „ein Kamel, das Zucker nach Mekka trägt, unterwegs Disteln fressen muss“. Er musste damit fertig werden, dass Disteln sein täglich Brot wurden, das ihm nicht nur von den Medien, sondern auch aus den eigenen Reihen verabreicht wurde.

Weiter sagte er bei seiner Amtseinführung:
„Was unsere Kirche heute braucht, sind nicht so sehr Pharisäer, die sie dauernd auf die Probe stellen, nicht so sehr Schriftgelehrte, die sie dauernd kritisieren, nicht so sehr Tempelbeamte, die selbst das Allerheiligste nicht betreten und auch die anderen noch davon abhalten, nein, was diese Kirche braucht, sind vielmehr Jünger, die dem Herrn folgen, mit der ganzen Hingabe ihrer selbst, Jünger, die einander lieben und in dieser Liebe Kirche bauen und Kirche bilden in unserer Zeit. Was diese Kirche braucht, sind Heilige  – viele kleine und, so Gott will, auch ein paar große  –, die ihr den Weg weisen.“ (S. 21)

Die zehntausend Gläubigen, die ihm auf dem Domplatz in Fulda zuhörten, forderte er auf: „In ihr, [der Kirche] wollen wir unsere Opfer bringen, für sie wollen wir in die Bresche springen, ihr wollen wir auch wieder einmal Hymen singen.“ (S. 35)

Erzbischof Dyba sprang in die Bresche für die Kirche. Er zitiert Hildegard von Bingen, die dies schon 800 Jahre vor ihm tat: Sie klagte: „Ich sah [die Kirche] von solcher Schönheit, dass Menschengeist es nicht zu fassen vermochte. Ihre Gestalt ragte von der Erde bis zum Himmel… aber ihr Antlitz war mit Staub bedeckt, ihr Mantel zerrissen, ihre Schuhe beschmutzt, ja mit lauter, klagender Stimme schrie sie zum Himmel hinauf: Horcht auf, Himmel: Mein Antlitz ist besudelt! Trauere Erde: Mein Kleid ist zerrissen! Erzittere Abgrund: Mein Schuhe stehen  im Schmutz!“ (S. 81) Dies sagte sie zu einer Zeit, als der Geist die Menschen fähig machte, in der Kraft Gottes Dome zu bauen. Welche Worte hätte Hildegard von Bingen heute gefunden?

Erzbischof Dyba wollte das Antlitz der Kirche wieder zum Leuchten bringen, ihr Kleid schmücken, sie vom Schmutz reinigen. Er wusste, dass es dafür eine „kritische Masse“ von vielen kleinen Heiligen braucht, die den Weg der Umkehr tatsächlich gehen.

Das persönliche Beispiel als Siegel der Glaubwürdigkeit

Gott sei Dank leben wir in der Gegenwart von Päpsten, die uns auf diesem Weg vorausgehen mit ihrem persönlichen Beispiel, so dass ihre Lehre das Siegel der Glaubwürdigkeit trägt. Aber wer lehrt uns von Tag zu Tag? Wer zeigt uns, wie wir wirklich zu Jüngern Jesu werden können? Was wird aus einer Kirche, in welcher der schmale Weg nicht mehr vom Gestrüpp der Zeit befreit, ja bewusst zugeschüttet wird?

Eine der großen Heiligen, die uns Gott in dieser Zeit geschenkt hat, ist Mutter Teresa von Kalkutta. Sie hatte nur eines im Sinn: Mit ihrem ganzen Leben die Liebe Jesu zu den Menschen zu bringen.

Mutter Teresa hatte eine kurze Antwort auf die Frage eines Journalisten, was sich an der Kirche verändern sollte: „Sie und ich!“ Sie sagte zu den Priestern: „Wohin wir auch gehen, finden wir Menschen, die einen gewaltigen Hunger nach Gott verspüren, einen Hunger, den nur ihr Priester stillen könnt, indem ihr ihnen Jesus schenkt. Sie erwarten, dass die Güte und Liebe Jesu durch euch in ihr Leben kommt. Sie brauchen euch, um mit dem Duft und dem Erbarmen seiner Liebe berührt zu werden. Jesus liebt seine Priester außerordentlich und er wünscht, dass sie in der Heiligkeit wachsen und ihr Priestersein in Fülle leben… Je heiliger die Priester sind, desto heiliger werden wir sein.“

Wie schwer ist es heute für Priester, diesen Weg zu gehen! Sie müssen ihren Glauben durch das Theologiestudium retten; ihre Frömmigkeit durch das Priesterseminar, müssen ihrer zölibatären Berufung in einer sexsüchtigen Gesellschaft treu bleiben; sie werden nicht geachtet für das Opfer der Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen, sondern beständig gedrängt, es aufzugeben.

Sie sollen Seelsorger sein und gleichzeitig effiziente Manager immer größerer Seelsorgeeinheiten. Sie sollen gute Hirten sein, aber ihre priesterliche Autorität mit anspruchsvollen Pastoralreferentinnen und Laienräten teilen. Für das Wichtigste, nämlich das Gebet, in dem sie sich selbst und die Gemeinde vor Gott bringen, bleibt ihnen kaum Zeit, weil sie den Anforderungen des religiösen Betriebs nachkommen müssen.

Priester werden angegriffen und im Ordinariat angeschwärzt, wenn sie fromm sind, manchmal auch, wenn sie allzu liberal sind, aber das bleibt meist ohne Folgen. Zu den bittersten Erfahrungen eines Priesters gehört, von seinem Bischof, dem er Gehorsam versprochen hat, nicht verteidigt zu werden, wenn er wegen seiner Treue zum ganzen katholischen Glauben gemobbt wird. Nun kommt hinzu: Sie müssen Verdächtigungen fürchten, wenn sie einem Jungen väterlich den Arm um die Schulter legen.

Leiden als Teilnahme am Kreuz Christi

Erzbischof Dyba: „Es gibt Leiden, die uns treffen, weil wir Priester nach dem Bild Christi sind, und die uns deshalb treffen müssen. Und es gibt Leiden, die uns treffen, weil wir vom Bild Christi abweichen, vom Vollmaß Christi zurückgehen und uns von der Welt zermürben lassen. Das Leid der ersten Art ist Teilnahme am Kreuztragen Christi. Das ist Leid, das er uns vorausgesagt hat, das apostolisch wirksam ist, das uns aber nicht verkleinert oder vernichtet. Es ist das Leid des Weizenkorns, das in die Erde fällt und stirbt und hundertfältig Frucht bringt.

Es gibt auch das Leiden, das aus dem allmählichen Sich-Entfernen vom Herrn folgt, das zerstörerisch ist, das uns Mut und Freude raubt.“ (S. 134)  - „Fälle eines psychischen oder moralischen Zusammenbruchs von Priestern“ sind für den Erzbischof „mit Abstand das schwerste Kreuz im Leben eines Bischofs.“ (S. 372)

Es geht den Priestern nicht gut in unserer Kirche. Das ist schlimm, denn wir brauchen sie. Sie sind unersetzbar. Um Berufungen zu beten, ist nötig. Ebenso wichtig ist es, einen sozialen Raum zu schaffen, in dem Priester und Gemeinde in der Jüngerschaft Jesu geeint sind. Das wird leichter sein, wenn die Kirchensteuer fällt.

Es ist ein Wunder, dass junge Männer trotz allem in dieser Zeit zum Ruf Gottes ja sagen, um als Priester in Seinen Dienst zu treten. Mehr denn je können sie diesen Weg nur gehen, wenn sie ja sagen zum Kreuzweg der Heiligkeit als „Diener des Evangeliums für die Hoffnung der Welt“, wie Johannes Paul II. sein Schreiben über das Amt des Bischofs überschrieben hat.

Einen zum Priester Geweihten nennt man auch "Geistlichen“. Sein Handeln geschieht in der unsichtbaren, geistlichen Welt. Wenn er Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi wandelt, ist das ein geistlicher Vollzug. Wenn er tut, wozu Jesus ihn bevollmächtigt hat, nämlich Sünden zu vergeben, zu heilen und Dämonen auszutreiben, dann wirkt er in der geistlichen Wirklichkeit des Menschen mit geistlichen Mitteln. Er muss auch als Person ein geistlicher Mensch sein. Ein geistlicher Mensch ist jemand, der seine Schätze im Himmel anhäuft und nicht auf der Erde; einer, der in der Welt ist, aber nicht von ihr.

In der Welt, nicht von der Welt

Mit der Soutane, dem Kollar oder dem kleinen Kreuz signalisiert ein Priester den Menschen: "Ich bin in der Welt, aber nicht von ihr. Ich kann dir etwas sagen über das Woher und Wohin des Menschen. Der Tod ist ein guter Bekannter von mir. Und derjenige, der den Tod besiegt hat, Jesus Christus, ist mein Herr und mein Freund. Ich kann dir von ihm erzählen, wenn du willst, und dich mit ihm bekannt machen. Wenn du suchst, dann komm du zu mir; wenn du leidest, dann komme ich zu dir. Ich bin nicht verstrickt in die Welt, weil ich mich an die drei Evangelischen Räte halte: Armut, Keuschheit und Gehorsam. Vieles, woran du dein Herz hängst, brauche ich nicht. Ich will dir zeigen, dass die Last Christi leicht ist und Er deine Last leicht macht.“

Drei Räte sind es, nur drei, deren Befolgung die Verstrickung mit der Welt radikal löst: Armut, Gehorsam und Keuschheit. Diese christlichen Tugenden stecken wie Stöcke im Rad der Welt, das sich um Reichtum, Macht und Sex und dreht.

Armut

Durch Mutter Teresa und ihre Schwestern weiß die westliche Welt, deren Wohlstand nun zu wanken beginnt, was es heißt, sich der Allerärmsten zu erbarmen: Solidarität, Teilen, Niederbeugen und Helfen. Und jeder weiß: Verhaftung an die Güter dieser Welt ist nicht Kirche, denn sie macht den Menschen undurchlässig für die Gnade und unbarmherzig gegenüber dem Nächsten.

Erzbischof Dyba: „Ich habe in über zehnjähriger Arbeit in der Dritten Welt erfahren, was Armut wirklich ist und erfahre es immer neu durch die Mitarbeit bei Misereor.“ (S. 396) Er prangert an, dass “die Armen noch ärmer und die Reichen noch reicher“ werden. Papst Johannes Paul II. sagt in seinem Apostolischen Schreiben Pastores gregis: "Der Bischof, der ein authentischer Zeuge und Diener des Evangeliums der Hoffnung sein will, muss ein vir pauper sein. Das verlangt sein Zeugnis für den armen Christus, zu dem er verpflichtet ist; das verlangt auch die Sorge der Kirche für die Armen, denen Vorzug gebührt." (Pastores gregis, 20)

Gehorsam

Das Nicht-Hören auf die Weisung Gottes war die erste Sünde, die die ersten Menschen begingen. Die Schlange macht sich an die Frau heran mit einer verlogenen Frage: "Hat Gott wirklich gesagt, ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen (Gen 3,1)?" Die Schlange als Meister der Manipulation sät Misstrauen gegen Gott. Da umgibt Gott den Menschen mit diesen herrlichen Früchten und keine soll er essen dürfen? Einmal noch widerspricht Eva, bevor sie sich im Lügengespinst der Schlange verstrickt: "Gott hat gesagt: Davon dürft ihr nicht essen, daran dürft ihr nicht rühren, sonst werdet ihr sterben (Gen 3,3 )."

Aber die Schlange lügt schamlos. "Nein, ihr werdet nicht sterben (Gen 3,4)". Tut nur, was euch lockt. Die Sünde hat keine Konsequenzen. Ja mehr noch: "Ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse (Gen 3,5)." Dies ist die Ur-Rebellion des Menschen gegen Gott. Sie ist heute an ihre äußerste Grenze gekommen: Den Menschen machen, den Menschen designen, über Tod und Leben selbst entscheiden, das eigene Geschlecht selbst bestimmen.

Papst Benedikt XVI. formuliert es in seinem Buch „Werte in Zeiten des Umbruchs“ so: „[Der Mensch] ist nicht mehr ein Geschenk der Natur oder des Schöpfergottes; er ist sein eigenes Produkt. Der Mensch ist in die Brunnenstube der Macht hinuntergestiegen, an die Quellorte seiner eigenen Existenz.“

So zerreißt die Liebesbindung zwischen Gott und dem Menschen. Aus eigener Kraft können wir sie nicht mehr heilen. Maria wird mit ihrem Fiat, mit ihrem bedingungslosen Gehorsam als Magd des Herrn, Gott ermöglichen, Mensch zu werden, um diesen Riss durch den Neuen Bund, den Jesus mit den Menschen schließt, zu heilen.

Wenn die Zahnräder des Gehorsams ineinander griffen, was hätten wir für eine leuchtende Kirche! Aber wir leben in einem Grundmisstrauen gegenüber Autorität. Auf dem fürchterlichen Missbrauch von Macht in den Diktaturen des letzten Jahrhunderts konnte der Teufel seine Suppe kochen: Autorität prinzipiell des Machtmissbrauchs zu verdächtigen und zu zertrümmern. Die unausweichliche Folge ist die Zerstörung des Glaubens an die absolute Autorität Gottes und die Gültigkeit seiner Gebote.

Die säkulare Welt rüttelt deswegen am hierarchischen Prinzip der Kirche. Von unten soll sie demokratisiert werden – als wäre die Mehrheit ein Garant für das Gute. Erzbischof Dyba wurde gefragt, ob denn die Gläubigen dem Papst gehorsam sein müssten. Er antwortete:

„Einer Entscheidung in Sachen des Glaubens und der Sitten schulden die Gläubigen religiösen Gehorsam. Das Problem ist aber, dass unsere gesellschaftliche Krise, dieser Individualismus, der keine Bindungen und keine Autorität anerkennen will, auf die Kirche übergesprungen ist. Die Kirche soll die Welt durchdringen wie ein Sauerteig, die Kirche soll die Welt verchristlichen. Die Kirche darf sich dabei aber nicht selbst verweltlichen. [Sie] ist eine Stiftung Gottes… In der Kirche regiert nicht die Mehrheit, sondern die Wahrheit.“  (S. 461f)

Der dritte Evangelische Rat: Die Keuschheit

Auf die Ehe zu verzichten, ist ein existentielles Opfer, das der Priester und jeder Gott Geweihte darbringt. Er lebt, wie Jesus gelebt hat und wie alle im Himmelreich leben werden – im direkten Liebesaustausch von Herz zu Herz. Jeder von uns sehnt sich nach Liebe, nach Umarmung, nach Angenommen sein, nach Hingabe, nach der Ergänzung im anderen Geschlecht, nach den Augenblicken tiefster Lösung in der seelischen und körperlichen Einheit mit einem geliebten Menschen.

Zölibat heißt, der leiblich-menschlichen Erfüllung zu entsagen und die ganze Sehnsucht nach Liebeseinheit auf Jesus Christus zu werfen in dem Glaubenswagnis, dass sie sich in Ihm geistlich erfüllen kann. Jesus Christus ist Person. Seine Liebe ist eine erfahrbare Realität. Ein Priester schrieb mir: „Man kann [die Sexualität], eine auf Personalität angelegte Kraft im Menschen nur personal durch eine tiefe täglich erneuerte Beziehung zu Jesus Christus sublimieren. Es ist sehr problematisch, den Zölibat nur als ein Freisein für den Dienst am Menschen zu verstehen.“

So wie der Mann der Frau und die Frau dem Mann sagt: „Nur du!“, so sagt der Priester zu Jesus: „Nur du!“ Es muss eine Liebeserklärung sein. Wie Eheleute sich das Versprechen zu lebenslanger Treue nur geben können, weil die Liebe zwischen ihnen entzündet ist, so kann auch ein Priester dieses Versprechen Christus nur geben, wenn er Jesus liebt. Das ist der Anfang. Dann kommt die Arbeit im Eheleben ebenso wie im Priesterleben. Das Priesterseminar müsste eine Art Brautschule für das Leben mit Jesus sein.

Der Weg der Heiligkeit heißt ja nichts anderes, als an der Liebesbeziehung zu Christus und allem, was ihm angehört, festzuhalten und in ihr und durch sie in der Liebe zu wachsen.
    
Da eine Welt, die den Sexualtreib entfesselt hat und vergötzt, den Stachel des Zölibats in ihrem Fleisch nicht ertragen kann, gibt es kaum ein Interview, in dem der Bischof nicht gefragt wird, ob es nicht endlich an der Zeit sei, diesen alten Zopf abzuschneiden, weil, so die fürsorgliche Begründung, es dann sicherlich mehr Priesterberufungen geben würde, die Priester dann aus der Not eines Doppellebens befreit würden, ja sogar die triebhafte Ursache des sexuellen Missbrauchs wegfallen würde.

Das Zweite Vatikanum entschied sich für den Zölibat

Die Antwort von Bischof Dyba: „Das II. Vatikanische Konzil, dessen Verwirklichung von vielen kritischen Stimmen immer wieder angemahnt wird, hat sich mit der überwältigenden Mehrheit von 2390 zu vier Stimmen für den Zölibat entschieden als ein ‚lebendiges Zeichen der zukünftigen, schon jetzt in Glaube und Liebe anwesenden Welt, in der die Auferstandenen weder freien noch gefreit werden‘.“
S. 248f). „Nicht der Zölibat ist der Auslöser eines solchen [moralischen] Zusammenbruchs, sondern der Bruch des Zölibats.“ (S. 372)

Er spricht sich dagegen aus, dass Homosexuelle zum Priester geweiht werden. Warum? „Wenn nämlich heterosexuelle Priester einmal am Zölibat scheitern, dann landen sie beim Standesamt – heute oft noch von Sympathiekundgebungen aus der Gemeinde begleitet. Wenn aber homosexuelle Priester daran scheitern, landen sie wegen des dann oft verletzten Jugendschutzes meist beim Staatsanwalt – unter dem blanken Entsetzen der Gemeinde.“ (S. 414f)

Natürlich wurde er auch gebetsmühlenartig danach gefragt, warum die Kirche Frauen nicht zu Priestern weihe. „Ich glaube“, sagt der Bischof, „dass Gott, wenn er denn Priesterinnen in seiner Kirche gewünscht hätte, das bereits dem Petrus klargemacht hätte. Genauso schnell und direkt wie er den überraschten Petrus durch Vision und den Hauptmann Kornelius wissen ließ, dass der Zugang zur Kirche nicht den Juden vorbehalten sei, sondern auch den Heiden offenstehe [Apg 10], hätte der Heilige Geist dem Petrus auch klarmachen können, dass der Zugang zum Priestertum nicht auf Männer beschränkt sei, sondern auch den Frauen offenstehe. Wie wir wissen, ist aber eine solche Intervention nie erfolgt, weshalb wir an der von Christus grundgelegten Tradition festhalten.“ (S. 264)

Für Eheleute nicht minder wie für Priester ist die Gefahr groß, die erste Liebe zu verlieren. Dann trifft sie, dann trifft uns der Vorwurf des Engels an die Gemeinde von Ephesus:  "Ich werfe dir aber vor, dass du deine erste Liebe verlassen hast. Bedenke, aus welcher Höhe du gefallen bist. Kehr zurück zu deinen ersten Werken. Wenn du nicht umkehrst, werde ich kommen und deinen Leuchter von seiner Stelle wegrücken. Doch für dich spricht: Du verabscheust das Treiben der Nikolaiten, das auch ich verabscheue" (Off 2,5-6).

Die Nikolaiten propagierten damals die sexuelle Ausschweifung. Sie tun es auch heute. Sie beherrschen die Medien. Sie beherrschen die Politik, sie beherrschen die Menschen. Es ist ihnen gelungen, die Gesetze so zu verändern, dass Unzucht normal und legal wird, ja die Sprache selbst durch bewusstes politisch-strategisches Handeln so verändert wird, dass Gut und Böse nicht mehr unterschieden werden können, ja sogar in ihr Gegenteil verkehrt werden. „Weh denen“, rief schon der Prophet Jesaia aus, „die das Böse gut und das Gute böse nennen, die die Finsternis zum Licht und das Licht zur Finsternis machen“ (Jes 5,20).

„Moralischer Grundkonsens verlorengegangen“

Erzbischof Dyba hat gegen diese Entwicklung einen entschlossenen, beharrlichen und einsamen Kampf geführt. Er schützte seine Herde wie kein anderer vor den Wölfen. 1987 sagte er:

„Wir stehen doch heute vor der erschütternden Tatsache, dass der moralische Grundkonsens, den Jahrhunderte christlicher Tradition uns als selbstverständlich erscheinen ließen, heute verlorengegangen ist… An diesem Traditionsbruch, an diesem in seinen Konsequenzen noch gar nicht abzusehenden moralischen Zusammenbruch sind unsere Politiker und Parlamente nicht unschuldig.“ (S. 111) „Wenn die Kirchen nicht die sittlichen Grundlagen unserer Gesellschaft garantieren, dann geht diese Gesellschaft buchstäblich zum Teufel.“ (S. 260)

In einer Predigt sagte er 1991: „Gott ist und bleibt der Herr der Geschichte… Wie oft haben wir versucht, Gott zu streichen und wegzuschaffen. Von Kaiser Nero bis zur Französischen Revolution hat man immer wieder versucht, Gott zu ersetzen durch menschliche Gewalt oder was man als menschliche Vernunft ansah. Alle Reiche und Regime sind zusammengefallen in den letzten 200 Jahren… Ich meine, dass wir sehr hellhörig sein müssen, wenn uns eine Zukunft angeboten wird, die ohne Religion, ohne Christentum, ohne Gott auskommen will.“

Die Folge eines Lebens ohne Gott ist die Kultur des Todes. Als der dramatische Geburtenrückgang bereits seit zehn Jahren aus den Statistiken abzulesen war, aber Politik und Kirchen die Zeichen nicht erkennen wollten, nennt er 1988 die Gefahr beim Namen:

„Wir Deutschen sind das kinderfeindlichste, das lebensfeindlichste Volk auf der ganzen Erde. Das ist keine Situation, an die wir uns gewöhnen dürfen – nicht nur weil hier Gottes Gebote und das natürliche Sittengesetz radikal verletzt werden, sondern auch weil wir als Volk durch diesen Holocaust der Ungeborenen unsere eigene Zukunft vernichten... Hier hilft nur eine radikale Besinnung und Umkehr, ein neues Ja zum Leben in der gottgewollten Ordnung der Familie.“ (S. 124f)

Warum, so wird sich die Kirche von kommenden Generationen fragen lassen müssen, warum hat sie dies nicht mit einer Stimme verkündet? Der Bischof scheute sich nicht, für die unverzichtbaren Grundsätze der biblischen Morallehre zu kämpfen, und zwar an der Front, an der tatsächlich geschossen wird: der Abschaffung aller begrenzenden Normen der Sexualität.

Eine sexsüchtige Gesellschaft wird nicht auf die Abtreibung verzichten und wird der nächsten Generation nicht die Tugenden vermitteln können, auf welche die Familie angewiesen ist und die nur in der Familie gelernt werden können.

Erzbischof Dyba bekam die Wut der Homolobby bedrohlich zu spüren. Aber er fürchtete Gott mehr als die Medien, denn er sah es als die Pflicht des Bischofs an, „den Menschen ins Gewissen zu reden. Und wer das nicht tut, der hat als Bischof ein unaussprechlich strenges Gericht zu erwarten.“ (S. 150)

In Marburg durch die Straßen gejagt

Dafür zahlte er einen hohen Preis. Mehrmals wurden seine Gottesdienste von Homosexuellen mit obszönen Provokationen gestört. Am 8. November 1991 wurde er in Marburg durch die Straßen gejagt, getreten, geschlagen und bespuckt. Der Mob skandierte: „Schlagt das Schwein tot!“  

Die Medien erzürnten sich jedoch weniger über diesen Ausbruch von Gewalt gegen einen Bischof und die Sprengung von Gottesdiensten, über Attacken gegen die Kirche, wie es sie „selbst von der SA im Dritten Reich nicht gegeben hat“ (S. 253f), sondern darüber, dass der Bischof von „drei Dutzend hergelaufenen Schwulen“ sprach. Dazu sagt er: „Nur mit sanften Gemeinplätzen bringen Sie nichts über.“ (S.218)

„‚Wenn sie mich verfolgt haben, werden sie auch euch verfolgen‘. Die Märtyrer der Kirche haben dieses Schicksal nicht erlitten, weil sie auf sanfte Weise Mehrheitsmeinungen verkündet haben, sondern weil die Leute so wütend über die christliche Herausforderung waren, dass sie ihnen  –  wie dem heiligen Bonifatius  – den Schädel eingeschlagen haben.“ (S. 220f)

Und an anderer Stelle: „Ich scheue nicht davor zurück, harte Wahrheiten klar zu sagen; aber es sind ja Wahrheiten, die den Menschen in die Freude und in die Liebe und in die Erlösung führen sollen. Nur die falschen Propheten haben dem Volk immer nach dem Mund geredet, die echten sind stets auf Widerspruch gestoßen.“ (S. 151)

Erzbischof Dyba warnte kurz vor seinem Tod am 10. Juli 2000 in einem Spiegel-Interview vor dem anstehenden Lebenspartnerschaftsgesetz:

„Die besondere Förderung von Ehe und Familie hat unsere Verfassung natürlich nicht ohne Grund vorgesehen, sondern weil von gesunden und glücklichen Familien unser aller Zukunft abhängt. Wenn der Nachwuchs ausbleibt und keine starke neue Generation mehr heranreift, dann sind all die Milliardeninvestitionen für wissenschaftliche und technische Zukunftsprojekte in den Sand gesetzt. Wir haben die Familien bisher eher zu wenig gefördert. Wenn wir jetzt die Weitergabe des Lebens mit all den damit verbundenen Mühen mit dem Verzicht auf seine Weitergabe gleichstellen, sägen wir den Ast ab, auf dem wir einmal sitzen wollen.

Die Verabschiedung dieses Gesetzes wäre eine Verabschiedung von der Schöpfungsordnung, eine Aushöhlung des Grundgesetzes und ein weiterer fataler Schritt in die Degeneration – im wörtlichsten Sinne des Wortes.“ (S. 543)

Erzbischof Dyba konnte das Lebenspartnerschaftsgesetz nicht verhindern. Aber er musste die Verabschiedung durch das Parlament am 10. November 2000 nicht mehr erleben. Wir erleben zehn Jahre später, dass schwule, lesbische, bisexuelle und transsexuelle Konglomerationen der Familie gleichgestellt werden, dass sie Kinder adoptieren dürfen und dass jedwede sogenannte „sexuelle Identität“ im Grundgesetz geschützt werden soll. Einen Dyba, der dagegen die Stimme erhebt, gibt es nicht mehr.

„Achte auf dich selbst und auf die Lehre!“

Erzbischof Dyba konnte in der Gewissheit des heiligen Paulus sterben: "Ich bin unschuldig, wenn einer von euch allen verlorengeht. Denn ich habe mich der Pflicht nicht entzogen, euch den ganzen Willen Gottes zu verkünden" (Apg 20,26-27). Er hat die Ermahnungen des heiligen Paulus an Timotheus ernst genommen:

"Achte auf dich selbst und auf die Lehre; halte daran fest! Wenn du das tust, rettest du dich und alle, die auf dich hören" (1 Tim 4,16). Und im zweiten Brief an Timotheus: "Verkünde das Wort, tritt dafür ein, ob man es hören will oder nicht; weise zurecht, tadle, ermahne, in unermüdlicher und geduldiger Belehrung. Denn es wird eine Zeit kommen, in der man die gesunde Lehre nicht erträgt, sondern sich nach eigenen Wünschen immer neue Lehrer sucht, die den Ohren schmeicheln. Du aber sei in allem nüchtern, ertrage das Leiden, verkünde das Evangelium, erfülle treu deinen Dienst" (2 Tim 4,1-5).

Diese Zeit ist gekommen, sie ist die beständige Gegenwart für die Verkündigung der radikalen Liebesbotschaft Jesu. Trösten wir uns mit dem Satz Reinhold Schneiders: „Im Gewande des Unheils geht die Gnade sicheren Schrittes durch die Zeiten.“

Priester tragen diese Gnade in zerbrechlichen Gefäßen. „Wir sind“, sagt der Erzbischof, „nicht Ideologieträger im Wettbewerb, im Meinungswettstreit unserer Welt, sondern wir sind Menschen, die jeden Tag ein Stück Erde zu einem Stück Himmel werden lassen, die jeden Tag mit eigenen Händen im Namen und in der Person des Herrn ein Stück Kosmos zu einem Stück Gott werden lassen.“ (S. 135f)


Dieser Beitrag basiert auf einer Ansprache von Gabriele Kuby zum zehnjährigen Todestag von Erzbischof Johannes Dyba am 23. Juli 2010 in Fulda.


 

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