Navigationen überspringen, zum Seiteninhalt

Judith Butler - Die Ideenlieferantin

Die Tagespost, 11. 09. 2012

Gender-Chefideologin Judith Butler erhielt am 11. September 2012 den Theodor W. Adorno-Preis der Stadt Frankfurt

Judith Butler wird als bedeutendste Philosophin der Gegenwart bezeichnet. Wenn „Philosophie“ nicht mehr Wahrheitssuche meint, sondern Denkgebäude bezeichnen kann, welche ersonnen wurden, um die bestehende Gesellschaft umzustürzen, dann ist dieser Ehrentitel richtig. Ihr wichtigstes Buch, erschienen 1990, heißt im Original: Gender Trouble – Feminism and the Subversion of Identity. (Deutsch: Das Unbehagen der Geschlechter, Suhrkamp Verlag 1991.) Dies ist das Grundlagenwerk der Gender-Ideologie. Butler empfindet Unbehagen an der Geschlechterordnung und will, wie sie im Vorwort erklärt, trouble machen. Ihre Frage ist: „Wie kann man am besten die Geschlechter-Kategorie stören, die die Geschlechter-Hierarchie und die Zwangsheterosexualität stützen? … Die Aufgabe der vorliegenden Untersuchung ist …,  den Phallogozentrismus und die Zwangsheterosexualität zu … dezentrieren … und die starren, hierarchischen sexuellen Codes wirksam zu deregulieren.“ (Das Unbehagen der Geschlechter, S. 8-11)

Solche Sätze muß man nicht sofort verstehen, aber sie lassen sich übersetzen: Butler möchte die Geschlechter-Kategorie von Mann und Frau stören, denn die schiere Existenz dieser Polarität erzeugt eine Hierarchie der Geschlechter, gibt dem Mann, auf dessen Phallus die Kultur zentriert ist, Macht über die Frau, und zwingt die Menschen in die Heterosexualität. Gelingt es, die Identifizierung des Mannes mit dem Mann sein und der Frau mit dem Frausein aufzulösen, dann bricht dieses ganze hierarchische Machtgefüge, welches Judith Butler so zuwider ist, zusammen. 

Um das zu erreichen, will Judith Butler, die ihre Homosexualität öffentlich bekennt, das Inzesttabu abschaffen, weil es durch „den Mechanismus der Zwangsidentifizierung gewisse geschlechtlich bestimmte Subjektivitäten hervorbringt“, das „Phantasma“  geschlechtlicher Identität als Mann und als Frau aufrecht erhält und „ein Tabu gegen die Homosexualität“ schafft.  (Unbehagen, S. 115-118)

Es ist kein kleiner Geist, der es wagt, an der fundamentalen Vorgabe der menschlichen Existenz zu rütteln, nämlich an der Tatsache, dass wir als Mann und Frau geboren werden und das Fortbestehen der Menschheit von der wechselseitigen Anziehung der Geschlechter abhängt, welche sich in der Zeugung eines Kindes vollendet. Überhaupt für möglich zu halten, dass eine Ideologie, die sich so weit von der Realität entfernt hat, die Gesellschaft tatschlich unterminieren kann, zeugt von einer außerordentlichen visionären Kraft. 

Die Revolte der Gender-Ideologie gegen die „Diktatur der Natur“ (Butler) hat, anders als etwa die marxistische Vision der „klassenlosen Gesellschaft“ keine „Massenbasis“ – immer noch kennen die wenigsten auch nur den Begriff „gender“. Dennoch wird die Gesellschaft auf allen Ebenen „gegendert“, das heißt, die in jeder einzelnen Zelle, in der Gehirnstruktur, im Hormonhaushalt, im Körperbau eingeprägte unauslöschliche Identität als Mann oder Frau wird zum „Stereotyp“ erklärt, welches es auszumerzen gilt, ebenso die Heterosexualität als „normative Normalität“ (Robert Spaemann). Dass die Subversion der Identität tatsächlich zum gesellschaftspolitischen Programm werden konnte, zeugt dafür, dass sie den Machteliten nützt, denn sie sind es, die das große Umerziehungsprogramm des Gender-Mainstreaming durchführen – ohne jede demokratische Legitimation. Es handelt sich um eine top-down Revolution, deren Auswirkungen jeder spürt: die Auflösung tragender Normen, insbesondere im sexuellen Bereich, und den daraus mit Notwendigkeit folgenden Zerfall der Familie. 

Das ist die „hervorragende Leistung“, für welche die Rhetorik-Professorin der University of California und Inhaberin des Hannah Arendt Lehrstuhls für Philosophie an der European Graduate School der Schweiz den Theodor W. Adorno Preis erhält: Sie liefert die Ideologie für die Zerstörung des christlichen Wertefundaments und der tragenden sozialen Strukturen des einzigartigen  Erfolgsmodells europäische Kultur. Alle drei Jahre wird der Preis mit 50.000 Euro von der Stadt Frankfurt bei einem Festakt in der Paulskirche vergeben. 

Judith Butler ist der Darling großer Stiftungen wie Guggenheim und Rockefeller, deren Fellowships sie angehört. 2004 erhielt sie den Brudner Prize der Yale University für besondere Verdienste für „ lesbian and gay studies“;  2008 wurde sie mit dem  Andrew W. Mellon Award ausgezeichnet, dotiert mit 1,5 Millionen Dollar, welcher den Empfängern ermöglichen soll, „unter besonders günstigen Bedingungen zu lehren und zu forschen“. Seit 2012 ist sie Gastprofessorin an der Columbia University, jener Universität, welche den exilierten Professoren Horkheimer und Adorno mit ihrem Institut für Sozialforschung in den 1930iger Jahren Asyl gewährte. Die Schlussfolgerung ist unvermeidlich: die Macht- und Geldeliten wollen die „Subversion der Identität“. 

Es hat etwas Gespenstisches, dass die eigentliche „historische Leistung“ der Judith Butler in der gegenwärtigen Kritik an der Preisverleihung so gut wie gar nicht zur Sprache kommt, und die Tarnkappe der Gender-Ideologie medial weiterhin unangetastet bleibt. Ein Nebenschauplatz erhitzt die Gemüter: die Tatsache, dass die Jüdin Judith Butler eine zweideutige Haltung zu den palästinensischen Terrororganisationen Hisbollah und Hamas einnimmt und die antiisraelische Boykottinitiative BDS (Boycott, Divestment, Sanctions) unterstützt. Das hat ihr scharfe Kritik des Sekretärs des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan Kramer, eingetragen, der ihr „jüdischen Selbsthass“ und „moralische Verderbtheit“ vorwirft, weil sie, wie er meint, Partei für Kräfte ergreift, die Israel von der Landkarte austilgen wollen. 

In einem langen Artikel in Die Zeit, den diese Zeitung wörtlich von dem antisraelischen Blog Mondoweiss übernahm, konnte sich Butler ausführlich rechtfertigen. Überschrift: „Diese Antisemitismus-Vorwürfe sind verleumderisch und haltlos“ (Zeit online 29.08.2012). Darin spielt sie die jüdische Karte voll aus:

„Ich bin eine Wissenschaftlerin, die durch das jüdische Denken zur Philosophie gekommen ist, und ich verstehe mich als jemand, der eine jüdische ethische Tradition verteidigt und diese im Sinne von beispielsweise Martin Buber und Hannah Arendt fortführt. Ich wurde in der Synagoge „The Temple“ in Cleveland, Ohio, unter Anleitung von Rabbi Daniel Silver ins Judentum eingeführt und entwickelte dabei radikale ethische Positionen auf der Grundlage des jüdischen philosophischen Denkens. Während meiner Einweisung ins Judentum habe ich auf Schritt und Tritt gelernt, dass es nicht hinnehmbar ist, im Angesicht von Ungerechtigkeiten zu schweigen.“ In der Mondoweiss-Fassung fährt sie fort: 

„Es ist äußerst wichtig, dass diese Traditionen geachtet und in unserer Zeit neu belebt werden – sie repräsentieren Werte der Diaspora, Kämpfe für soziale Gerechtigkeit und den überaus wichtigen jüdischen Wert ‚die Welt zu reparieren’ (Tikkun).“

Wer, vor allem welcher Deutsche, kann es bei so viel Selbstauthorisierung durch jüdische Tradition und die Proklamation hehrer Ziele noch wagen, den Hauptschauplatz des Wirkens Judith Butlers ins Licht zu stellen? Sie gehört, wie ihr die TAZ zu Recht attestiert, „zu den führenden Gender- und Queertheoretikerinnen der Welt“. Die Queer theory will die Polarität der Hetero- und Homosexualität beseitigen zugunsten einer vollständigen Auflösung der geschlechtlichen Identität, um die „Hegemonie der Zwangheterosexualität“ abzuschaffen. Dass dies tatsächlich vor unseren Augen auf der ganze Welt geschieht, dafür hat Judih Butler die Ideen geliefert und als Aktivistin der internationalen Homo-Lobby das social engineering. Was würden wohl Martin Buber und Hannah Arendt dazu sagen? Ein radikalerer Gegensatz zur jüdischen Ethik lässt sich nicht denken. Es ist eine patriarchale Ethik, in deren Zentrum die Familie steht. Der prioritäre Rang der Familie ist ein wesentlicher Faktor, der den Juden das Überleben durch alle Verfolgungen hindurch ermöglicht hat. Weit davon entfernt, die „Welt zu reparieren“, betreibt Judith Butler mit ihrer außerordentlichen Intelligenz die Zerstörung der ethischen und sozialen Grundlagen der Familie und gefährdet so das Überleben auch unserer Gesellschaft. 

Die Stadt Frankfurt bleibt sich mit der Preisvergabe an Judith Butler treu. Bereits 1946 hatte sie die exilierten jüdischen Marxisten Max Horkheimer und Theodor W. Adorno an die Frankfurter Universität zurückgeholt, um das von den Nazis verbotene Institut für Sozialforschung wieder zu eröffnen und so ihren Beitrag zur Reeducation  der Deutschen zu leisten – ein Projekt das 1968 voll zum Durchbruch kam. Es könnte allerdings sein, dass sich sogar Theodor W. Adorno im Grabe umdrehen würde, wenn er wüßte, welche Blüten seine Kritische Theorie getrieben hat. In der Dialketik der Aufklärung schreibt er: 

„Mit der Verleugnung der Natur im Menschen wird nicht bloß das Telos des eigenen Lebens verwirrt und undurchsichtig. In dem Augenblick, in dem der Mensch das Bewusstsein seiner selbst als Natur sich abschneidet, werden alle Zwecke, für die er sich am Leben erhält … nichtig“ (Fischer Tb 1971, S. 51)

 

Seitenende erreicht, zum Seitenanfang