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Wie Quellwasser für Durstige
Gabriele Kuby zum Besuch des Papstes in seinem Vaterland

veröffentlicht in Die Tagespost am 1.Oktober 2011

Der strahlend blaue Himmel mit rosa Wölkchen,  der in der ovalen Öffnung des Olympiastadions leuchtet, hat etwas vom barocken Himmel der Wieskirche. Es liegt eine heiter festliche Stimmung über dem Stadion, das sich bis in die letzten Reihen mit Menschen füllt, die auf den Papst warten, um mit ihm die heilige Messe zu feiern. Aber vorher wird er noch im Bundestag sprechen. Wird es ihm wieder gelingen, wie fast genau vor einem Jahr in Westminster Hall, durch die Macht seines leise und unaufdringlich gesprochenen Wortes zu den Herzen der Menschen durchzudringen und sie in hörende Herzen zu verwandeln?

Für gläubige Katholiken, für die der Papst ein strahlendes Licht in der wachsenden Finsternis dieser Zeit ist, die sich im Glauben gestärkt fühlen durch sein Wort, das er in die Welt hineinspricht, für welche die Integrität seiner Person Garant seiner Botschaft ist, die es als außerordentliche Gnade ansehen, dass dieser Papst ein Deutscher ist und in seine Heimat kommt, für sie war die feindselige Dauerkampagne fast aller Medien im Vorfeld seines Besuches eine Beleidigung und eine Pein. Ob die Meinungsmacher gar nicht ahnen, wie viele Katholiken es gibt, die den Papst lieben? Sehen sie denn nicht, was für ein Gesicht das ist, welcher Blick uns da anschaut? Woher ihre Siegesgewissheit angesichts der Probleme unserer Zeit?

Auf den Großleinwänden im Stadion erscheint der kleine Mann in Weiß, hebt kurz beide Arme zur Begrüßung des Parlaments und geht mit einem kleinen Umweg zum Rednerpult. Über dem Bienenstocksummen des Olympiastadions ertönt seine Stimme: „Es ist mir eine Ehre und Freude, vor diesem Hohen Haus zu sprechen – vor dem Parlament meines deutschen Vaterlandes, das als demokratisch gewählte Volksvertretung hier zusammenkommt, um zum Wohl der Bundesrepublik Deutschland zu arbeiten.“

Zum Wohl der Bundesrepublik Deutschland arbeiten - das ersehnen wir von den Politikern, aber immer mehr Menschen verlieren das Vertrauen, dass dies geschieht. Was sind die „geistigen Fundamente des Staates“, ohne welche der Staat zu einer „großen Räuberbande“ verkommt, „welche das Recht zertritt, wie wir Deutschen nur zu gut wissen?“ Satz für Satz, unaufhaltsam, breitet sich Licht aus. Die Gesichter der Abgeordneten werden wach und ernst. Sie können sich der Macht der Wahrheit nicht entziehen. Wie unterscheiden wir zwischen Gut und Böse? Was sind die Quellen des Rechts, das Gerechtigkeit schafft und dadurch Frieden ermöglicht? Ist aus dem Sein ein Sollen ableitbar? Der Papst spricht keines der Themen an, bei denen die Christen, wenn sie Christen bleiben wollen, sich dem Mainstream widersetzen müssen. Er schlägt den Pflock der Vernunft ein, welche Natur, Ethos und Religion einbezieht, ein Pflock, an den sich der Staat binden muss, wenn das Schreckgespenst eines Unrechtsstaates nicht ein weiteres Mal Realität werden soll. „In einer historischen Stunde, in der dem Menschen Macht zugefallen ist, die bisher nicht vorstellbar war, wird diese Aufgabe besonders dringlich.“

Benedikt XVI. hat an das Gewissen der Politiker gerührt, an das Gute, das sie doch einmal tun wollten, als sie sich entschieden, in die Politik zu gehen. Sie applaudieren stehend.

Im Stadion schauen wir einander staunend an. Wir haben Tränen in den Augen, weil uns bewusst wird, dass hier – alle  Erwartungen übersteigend – noch einmal Einhalt geboten wurde, dass die Mächtigen unseres Staates vor eine Weichenstellung gestellt wurden. Gibt es bei Machteliten Umkehr aus Einsicht in Freiheit oder gibt es Umkehr nur in der Not?

Jubel brandet auf, als das Papamobil im Stadion erscheint. „Der Blick in das weite Rund des Olympiastadions, das ihr heute in so großer Zahl füllt, weckt in mir große Freude und Zuversicht“, eröffnet der Papst seine Rede. Der Blick auf den Heiligen Vater  weckt in uns große Freude und Zuversicht. Die Konzentration auf eine Person, die in der säkularen Welt auf Idole übertragen wird, spiegelt die personale Struktur des Universums. Unser dreifaltiger Gott ist Person, Mensch geworden an einem Ort, zu einem bestimmten Zeitpunkt. Die unmenschliche Bürde des Papstamtes trägt Gott mit, um diese Realität im Irdischen aufleuchten zu lassen.

Die Lesung und das Evangelium sind ausgewählt für diesen Tag. Wir wissen, das ist es, was der Heilige Vater uns sagen will. Er selbst wird in seiner Person zum Resonanzboden für das Wort Gottes. Was er im Bundestag mit der Kraft der Vernunft gesprochen hat, verkündet er hier mit der Kraft des Glaubens. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen.  (Evangelium Joh 15,1-8) „Gott will das tote, steinerne Herz aus unserer Brust nehmen, um uns ein lebendiges Herz aus Fleisch zu geben. Er will uns neues, kraftvolles Leben schenken.“ (Lesung Ez 36,24-26). „Das ist die eigentliche Sendung der Kirche, den Sündern den Weg der Umkehr, der Heilung und des Lebens zu eröffnen.“ Die Kirche schenkt uns dafür alle Gnaden, aber sie lehrt auch, dass die Konsequenzen unserer Entscheidung für oder gegen Gott unausweichlich sind. „Der Winzer greift zum Messer“, er schneidet die dürren Reben ab und wirft sie ins Feuer. Der Papst zitiert seinen Freund, den heiligen Augustinus: „Eines von beidem kommt der Rebe zu, entweder der Weinstock oder das Feuer.“ Zweimal wiederholt der Papst in seiner Predigt die Frage Jesu an Saulus vor Damaskus. Warum verfolgst du mich?

Ja, warum verfolgen die Medien, die Memorandumsunterzeichner, all jene, die nach „Reformen“ schreien und Anpassung an die Welt meinen, den Papst? In wessen Namen, aufgrund welcher Prinzipien zur Unterscheidung von Gut und Böse? Es scheint, als sei die Mühe der Begründung durch den Konsens des Mainstreams ersetzt. Aber wie ist dieser Mainstream des Werteumsturzes zustande gekommen? Hat eine Revolution des gläubigen Volkes stattgefunden, weil es das „leichte Joch“, das Jesus uns unwiderruflich auferlegt, als zu schwer empfand,  oder eine Wäsche von Gehirn und Herz durch pausenlose mediale Indoktrinierung und eine „Verdünnung des Glaubens“ durch „kirchliche Routiniers“?

Siebzehn Reden hat der 84jährige Papst seinen deutschen Landsleuten in vier Tagen gehalten. Er hat alles gegeben, über das menschliche Maß hinaus. Jede Rede trägt das Siegel seiner Sprache. Sie ist in sich schon Verkündigung, denn jedes Wort ist mit Wahrhaftigkeit gesättigt. In einer Zeit der politischen Korrumpierung der Sprache ist dies wie Quellwasser für Durstige. Wir Hörenden sind nicht Objekt der Manipulation, wir werden zur Entscheidung in Freiheit gerufen. Die Stimme, die da spricht, will uns nichts aufdrücken, nichts unterjubeln. Es ist eine Stimme, die selbst in einem hörenden Herzen verankert ist.  

„Nicht auf das Reden, sondern auf das Tun kommt es an“, sagt der Papst am Beispiel der zwei Brüder, von denen einer ja sagt zum Vater, aber nichts tut, der andere nein sagt und dann doch tut, was der Vater will (vgl. Mt 21,28-32). Damit wir dem „dritten Sohn“ ähnlich werden, „der ja sagt und tut, was ihm aufgetragen ist“, Jesus Christus, zeigt uns der Heilige Vater, wie wir aus den reichen Quellen des Glaubens schöpfen können durch die würdige Feier der heiligen Messe, durch die Anbetung Gottes in der Eucharistie, durch den Gebrauch der Vernunft, durch das Bewusstsein unserer Sünden und deren Vergebung, durch die Geborgenheit in der Mutter des Herrn und das Vertrauen auf ihre Fürbitte, durch das Vorbild der Heiligen, durch Wallfahrt zu den Orten der Tröstung und Gebetserhörung, durch Gebet überall und immer, durch das regelmäßige Gedenken an die Menschwerdung Christi im Engel des Herrn.

„Die eigentliche Krise der Kirche in der westlichen Welt ist eine Krise des Glaubens. Wenn wir nicht zu einer wirklichen Erneuerung des Glaubens finden, wird alle strukturelle Reform wirkungslos bleiben“, sagt er dem Rat des Zentralkomitees der deutschen Katholiken und fragt: “Wie steht es mit unserer persönlichen Gottesbeziehung im Gebet, in der sonntäglichen Messfeier, in der Vertiefung des Glaubens durch die Betrachtung der Heiligen Schrift und das Studium des Katechismus der Katholischen Kirche?“

Im Glauben verankert können wir offen auf unsere Brüder und Schwestern zugehen, seien sie Juden, Orthodoxe, Protestanten, Muslime oder Ungläubige. Mit allen sucht und findet Benedikt das Gemeinsame und bewahrt das Nichtverhandelbare. Die Ungläubigen müssen wir mit dem liebenden Gott bekannt machen; mit allen, die an Gott glauben, dagegen kämpfen, dass wir von den säkularen Mächten in Glaubensreservaten eingeschlossen werden; mit allen Christen „die unantastbare Würde des Menschen verteidigen von der Empfängnis bis zum Tod“ und „die Integrität der Ehe zwischen einem Mann und einer Frau vor jeglicher Missdeutung schützen“. Diese Art von Ökumene ist bereits Realität bei denen, die Christus lieben und ihn an die erste Stelle in ihrem Leben setzen. Sie erkennen sich und finden sich über alle Grenzen der unterschiedlichen Denominationen hinaus.

Der Papst muss das Nichtverhandelbare bewahren. Er ist der Treuhänder des depositum fidei, des Glaubensgutes, das Jesus seiner Kirche anvertraut hat und das durch die apostolische Tradition von einer Generation an die nächste weitergegeben wird. Jesus hat seine Kirche nicht an ein Schilfrohr gebunden, das mit dem Zeitgeist schwankt, sondern auf einen Felsen gebaut. Als nun ein Wolkenbruch kam und die Wassermassen heranfluteten, als die Stürme tobten und an dem Haus rüttelten, da stürzte es nicht ein, denn es war auf Fels gebaut. (Mt 7,25). Wie wird die Kirche vom sicheren Port der Nachgeborenen gegeißelt, wo sie sich der Macht und Ideologie ihrer Zeit gebeugt hat! „Der Mensch leidet an einer fatalen Spätzündung“, sagt Stanislaw Jerzy Lec, „Er begreift alles erst in der nächsten Generation.“

Es könnte das letzte Mal gewesen sein, als Benedikt XVI.    im Konzertsaal in Freiburg zu seinen Landsleuten spricht. Bei Abschieden sagt der Mensch das Wesentliche: „Die Kirche findet ihren Sinn ausschließlich darin, Werkzeug der Erlösung zu sein, die Welt mit dem Wort Gottes zu durchdringen und die Welt in die Einheit der Liebe mit Gott zu verwandeln… Um ihren eigentlichen Auftrag zu erfüllen, muss die Kirche immer wieder die Anstrengung unternehmen, sich von  der Weltlichkeit der Welt zu lösen… Es geht hier nicht darum, eine neue Taktik zu finden, um der Kirche wieder Geltung zu verschaffen. Vielmehr gilt es, jede bloße Taktik abzulegen und nach der totalen Redlichkeit zu suchen.“  

Danach dürsten die Gläubigen. Es ist schwer, den Glaubensweg zu gehen, wenn wir in den Hirten nicht die Stimme unseres Herrn erkennen. Es ist schwer, den Glaubensweg zu gehen, wenn wir in unseren Gemeinden nicht die „Nahrung der Liebe“, gegründet in der Wahrheit, finden. Möge dieser große Liebesdienst des Papstes an seinem Volk jeden von uns bewegen, mit einem hörenden Herzen das zu tun, was wir zu einer Erneuerung des Glaubens in uns selbst und in unserer Kirche beitragen können.

Am Abend des 25. September 2011, als der Papst im Flugzeug sitzt, zurück ins Zuhause der Weltkirche, betet die Kirche in der Vesper einen Hymnus aus dem siebten Jahrhundert. Darin lautet die zweite Strophe:

Gott ist die Quelle unsrer Kraft,
wie Petrus uns vor Augen führt,
da er des Lahmen Hand erfaßt
und ihn auf seine Füße stellt.


Danke, Heiliger Vater!

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